Jahreszeitenwechsel
“Schon wieder.”, dachte er sich bei der Suche nach seinem Abbild in der sonst so voller Spiegelung strotzenden Fläche. Was dort vor ihm stand und jegliche Bewegung nachäffte war er, dessen war sich Julius bewusst. Kein Zweifel. Er in Kontur. Eine Kontur, die solch ein lächerliches Bild formte, dass selbst der beste Bildhauer daraus keinen gescheiten Ausdruck mehr hätte kreieren können. Und dennoch ist dieses Bild passend. Passend zu der, wie er es nennt, “Phase”, in der er sich gerade befindet. Als ob sein Leben ein Projekt wäre. Rational und wohldefiniert. Überhaupt charakterisieren ihn seine Artgenossen als Kopfmenschen. Als jemanden der sich vorher Gedanken macht. Der keine Risiken eingeht. Sie irren.
Heiß zu duschen hatte er sich erst vor wenigen Wochen angewöhnt. Wenn hier überhaupt von einer Angewohnheit gesprochen werden kann. Vielmehr: Notwendigkeit. Es war eine lauwarme Sommernacht und ein leises Klicken störte den Fluss schwarzer Tinte. Unterbrach das Schreiben. Es war schon alles vorbereitet. Wohldefiniert. Tasse, Beutel. Pfefferminze. Immer nur Pfefferminze. Ein Löffel Zucker. Dem Geräusch lauschend, welches er schon in der Kindheit liebte, wenn die Oma am Nachmittag Kaffee, Tee und Kuchen bereitete. Das Geräusch, wenn die Wärme des Wassers auf das Natürliche stößt und dem Aroma Leben einhaucht. Ja, es erst entfalten lässt.
Der frische Mentholgeschmack des ersten Schluckes glitt gerade durch sein Inneres als die Sonne am Horizont im Begriff war, die Tag-Nacht-Grenze zu überschreiten und zudem wohliges Klima versprach. Der Minutenzeiger tangierte die Fünfundvierzig. Es war drei Uhr und fünfundvierzig Minuten oder “dreiviertel Vier”. Er musste grinsen. Ihm wurde warm.
Von der Hoffnung getrieben, dass sie es irgendwann lesen möchte, begab er sich wieder in den Raum, in dem sein Schreibtisch stand. Der Raum, den er so verabscheute. Der ihm Leid in Form mehrerer Unterkühlungen bereitete, war nun der Ort, um die Geschichte zu vollenden. Die Geschichte, die zu seinem Leben geworden ist, die er jetzt benötigt, um sein altes Leben wiederzubekommen, das er nicht wiederhaben möchte. Paradox? Ja, es ist paradox.
Ihm wurde eine neue Welt gezeigt. Eine auf der er sich bewegen durfte und deren Meere immer Spiegel waren. Der Transformationsprozess begann und verwandelte diesen Ort im Hier und Jetzt in eine Wüste aus gefrorenem Wasser. In der jeder Schritt, jede Bewegung zu einem Sturz und Schmerz führen kann. Wo zuvor Verständnis und Geborgenheit inhaliert werden konnten, ist nun Ignoranz und Kälte zu finden. Zwei Attribute die benötigt werden, um das Geschehene vergessen zu machen, das Schöne zu vernichten und das Negative zu behalten.
Er zittert. Die Kälte taucht den Raum in ein Licht, wie man es nur im Winter beobachten kann. Irritiert von dem matten Farbton, den die vielen Wassermoleküle hinterlassen, tastet sich Julius mit zusammengekniffenen Augen zum altertümlichen Griff des Badezimmerfensters. Drückt den Hebel so rasch hinunter wie es gerade mit nassen Händen möglich ist. Steckt den Kopf durch das Fenster und ringt nach Luft und Fassung. Seine Augen, zwei mit Regenwasser gefüllte Tulpenkelche. Das Glück umringt sein Inneres.
Der Frühling ist nah.